Eine Reise im Zeichen der Vergangenheit

22 Jahre ohne Kontakt, ein gemeinsamer Erinnerungsort: Christa, wünschte sich das Wiedersehen mit Jugendfreundin Renate am Schloss Friedrichswerth bei Gotha. Unser Team vom ASB-Wünschewagen Sachsen machte diese Reise möglich.

Christa, schwer an Krebs erkrankt, wünschte sich den Besuch des Barockschlosses Friedrichswerth bei Gotha. Die 67-Jährige wartete voller Vorfreude im Pflegeheim „Silberstraße“ in Wilkau-Haßlau auf die erfahrenen Wunscherfüller:innen Eva und Ralf. Reisegepäck war rasch verstaut, die erforderliche medikamentöse Versorgung mit dem Pflegeteam abgesprochen – dann ging es los.

Kurz darauf erreichte der ASB-Wünschewagen das Seniorenheim „Haus Felicitas“ in Glauchau, wo die 68-jährige Renate wartete. Zuletzt hatten sich die beiden Frauen vor 22 Jahren gesehen. In der Jugend zu Freundinnen geworden, waren sie nun vom Leben und ihrer Krankheit gezeichnet. Beide blickten auf die gemeinsame Zeit im Schloss Friedrichswerth zurück.

Nach etwa zweistündiger Fahrt wurden die Fahrgäste und das Wünschewagen-Team von Jörg Möller am Schloss herzlich begrüßt. Der frühere Ortsbürgermeister engagiert sich noch heute ehrenamtlich im Heimatverein. Das Schloss Friedrichswerth, bis 1689 auf dem Platz der geschleiften Wasserburg Erffa erbaut, gehört mit seinen riesigen, inzwischen verwilderten Parkanlagen zu den bedeutendsten erhaltenen Barockschlössern Deutschlands. Bis zur Nutzung als Verwaltungsgebäude im 19. Jahrhundert feierten Herzog Friedrich I. und seine Nachfolger im nach französischem Vorbild erbauten Lustschloss rauschende Feste.

In der Weimarer Republik befand sich im Schloss eine Erziehungsanstalt, in der DDR ein Jugendwerkhof. Herr Möller führte sachkundig und behutsam durch die Geschichte des Schlosses. Alle erfuhren viel Interessantes, Nachdenkliches und teils Bedrückendes über das Leben der Jugendlichen im Werkhof: Arbeit und Disziplin standen im Vordergrund. Früh am Morgen mussten die Jugendlichen zur Arbeit in der Küche, in den Werkstätten und zur Pflege der Parkanlagen.

Christa und Renate, zu Beginn noch zurückhaltend und schweigsam, sprachen zunehmend offenherzig über diese Zeit – denn sie hatten einige Monate im Jugendwerkhof in Friedrichswerth verbracht und sich dort kennengelernt. Für Eva und Ralf wurde die Bedeutung dieser Reise nun offenkundig. Mit zwiespältigen Gefühlen lauschten sie den Erzählungen, die sich zwischen Traurigkeit, Bedrücktheit, aber auch Fröhlichkeit und Schmunzeln bei manchen Anekdoten bewegten.

Da das Schloss seit den 2000er Jahren leersteht und unrenoviert dem Verfall preisgegeben ist, war auch der Blick in eine der früheren Werkstattbaracken bedrückend: Spinnweben überzogene Waschbecken, frühere Werkbänke, allerlei Unrat und einzelne Werkzeuge. Nur der große Rasenmäher von Herrn Möller, der ehrenamtlich das Gras um das Schloss kurzhält und wenige Hauptwege im zugewucherten Park freihält, zeugt von mühevoller Pflege.

Mit Bedrücktheit erfuhren die Begleiter Weiteres aus dem Leben der beiden Frauen. Ihre Kindheit begann fern der Eltern im Kinderheim. Und trotz der belasteten Kindheit und Jugendzeit war ein Lächeln in ihren Augen spürbar – Freude über das Wiedersehen und die gemeinsame Erinnerung. Den Wunscherfüller:innen obliegt es nicht, über diese Zeit zu urteilen. Wohl aber war es für alle wohltuend, dass Jörg Möller mit Einfühlungsvermögen, Empathie und Ehrlichkeit über jene Jahre berichtete. Alle waren sich einig: besondere Stunden erlebt zu haben.

Auf Empfehlung des Park- und Schlossführers kehrte die Reisegesellschaft zum Essen ins Restaurant Harth-Haus in Bad Langensalza ein. Die Frauen ließen sich Wildgulasch mit Thüringer Klößen und Rotkraut munden.

Sicher und zügig fuhren die Wunscherfüller:innen die beiden erschöpften Frauen zurück. Nach herzlicher Verabschiedung waren Eva und Ralf sich einig: zwei liebenswerten, vom Lebensschicksal und schwerer Erkrankung gezeichneten Menschen bereichernde Stunden mit kleinen Glücksmomenten geschenkt zu haben. Das ist es, was jede Wunschfahrt zu etwas Einmaligem macht.

Ein Bericht von Eva und Ralf 
*Name wurde auf Wunsch des Fahrgastes geändert